Zehn Fragen an Yasuhisa Toyota

Wie beschreiben Sie einem normalen Konzertbesucher, was gute Akustik ausmacht?
Die Akustik eines Konzerthauses lässt sich nicht allein physikalisch messen, weil sie auch sehr viel mit dem subjektiven Empfinden zu tun hat. Für mich spielt der Faktor der Intimität eine sehr wichtige Rolle. In einem Konzertsaal sind die Musiker als Klangquelle mehr oder weniger weit vom Zuhörer entfernt. Wenn man es als Akustiker schafft, dass das Publikum die große Distanz zur Musik nicht mehr wahrnimmt, hat man gute Arbeit geleistet.
Anders herum gefragt: wie hört sich schlechte Akustik an?
Sie können es wahrscheinlich erraten: wenn einem der Klang zu weit entfernt vorkommt. Leider hat man diesen Eindruck in sehr vielen Konzertsälen. Der Akustiker versucht dem entgegen zu wirken, indem er das Verhalten der Schallreflexionen optimal beeinflusst.
Die Elbphilharmonie soll insbesondere für ihr Klangerlebnis berühmt werden. Was wird sie weltweit von allen anderen Konzertsälen unterscheiden?
Unser höchstes Ziel ist, die eben erwähnte akustische Intimität herzustellen. Allerdings stellt jeder Saal einen dabei vor andere Herausforderungen. Die Form des Saals, seine Größe und das Konstruktionsmaterial sind entscheidende Parameter für die Gestaltung der Akustik. Diese Parameter bestimmen aber zugleich auch seine Architektur. Und so, wie man die Elbphilharmonie durch ihre einzigartige Architektur sofort von anderen Konzerthäusern unterscheiden kann, wird auch ihre Akustik einzigartig sein. Ich gehe davon aus, dass die Elbphilharmonie zu den akustisch besten Konzertsälen der Welt zählen wird.
Sie haben die gesamte Akustik der Elbphilharmonie mit einem 1:10 Modell geplant. Inwieweit kann das Resultat am Ende anders sein, als Sie es in dieser Versuchsanordnung geplant haben?
Mit dem 1:10 Modell haben wir das Echoverhalten des Raumes getestet. Es ist ein sehr hilfreiches Werkzeug, um unerwünschte Effekte im Vorfelde zu umgehen. Um die akustischen Qualitäten eines Saals präzise zu simulieren, wenden wir aber noch weitere Messverfahren und komplexe Rechenmodelle an, so dass ich zuversichtlich bin, dass wir ein sehr gutes Ergebnis erzielen werden.
Können Sie nach Fertigstellung noch korrigierend eingreifen?
Ja und nein. Größere Änderungen, das Material der Saalwände, die Decke oder die Form des Saals betreffend, sind im Nachhinein nicht mehr möglich. Am leichtesten lässt sich die Akustik nachträglich durch Änderungen im Bühnenbereich verbessern, durch Anordnung der Orchestermusiker auf unterschiedlichen Ebenen oder durch Manipulation des akustischen Raums hinter dem Orchester. Wir können also auch später noch – in begrenztem Maße – korrigierend eingreifen.
In den von Ihnen geplanten Sälen passen sich die Musiker mit ihrer Spielweise an. Was bedeutet das?
Für die Musiker wird es anfangs ungewohnt sein, in diesem neuen Saal zu spielen. Sie müssen ihre Spielweise neu auf den Saal und die anderen Musiker abstimmen. Sie müssen unter den neuen räumlichen Verhältnissen lernen, aufeinander zu hören und sich in den Proben neu orientieren. Dadurch wird sich nach und nach der gesamte Orchesterklang verändern. D.h. auch die Zeit wird die Akustik des Saals verändern, weil die Orchester sich mit der Zeit dem Saal anpassen werden. Die Musiker leisten also ebenso ein akustisches Fine-Tuning für den Saal, wie der Akustiker.
Wie klingt ein Rockkonzert im Großen Konzertsaal?
Ein Rockkonzert im klassischen Konzertsaal ist eine echte Herausforderung für den Tontechniker. Bei Rock-Konzerten mit Mikrofonen und Lautsprechern sind die akustischen Gegebenheiten völlig andere, als bei klassischen Konzerte, die in der Regel völlig ohne elektronische Verstärkung auskommen. Der klassische Konzertsaal ist so gebaut, dass er die natürliche Akustik der Musik unterstützt. Aber er sollte auch sehr sensibel auf elektronische Sound-Systeme reagieren. Wenn die Qualität des technischen Equipments stimmt und der Tontechniker sein Handwerk versteht, wird man auch an Rockkonzerten in der Elbphilharmonie seine wahre Freude haben können.
Eine gotische Kirche, eine Mehrzweckhalle, ein Stadion: In welcher Architektur wäre eine akustische Korrektur die größte Herausforderung?
Die Frage stellt sich mir als Akustiker gar nicht, weil die genannten Gebäude ja nicht in erster Linie auf eine gute Akustik ausgerichtet sind. Wir bauen gerade deshalb Konzerthäuser, weil die klassische Musik in Kirchen und Mehrzweckhallen nicht besonders gut klingt.
Ihr schönstes akustisches Erlebnis?
Meine schönsten akustischen Erlebnisse hatte ich in phantastischen Konzertsälen wie dem Musikvereinssaal in Wien oder dem Concertgebouw in Amsterdam. Aber auch in modernen Sälen wie der Berliner Philharmonie, der Suntory Hall in Tokyo oder der Walt Disney Concert Hall in Los Angeles, für die wir das akustische Design entwickelt haben, habe ich beeindruckende Konzerte erlebt. Wenn ein wundervolles Orchester auf der Bühne steht, kann ich die Akustik in diesen Sälen regelrecht genießen.
Ihre Lieblingsmusik?
Ich höre sehr unterschiedliche Musik: klassische Musik, Popmusik, Jazz und auch Folk. Aber am meisten begeistert mich doch die Klassik. Neben zeitgenössischer Klassik habe ich eine besondere Schwäche für Mozart und den Hamburger Komponisten Brahms.

Yasuhisa Toyota zählt weltweit zu den besten Akustikdesignern und arbeitet für die japanische Firma Nagata Acoustics. 2006 wird er mit der akustischen Planung des großen Konzertsaals der Elbphilharmonie beauftragt. Toyota hat als Leitender Akustiker weltweit mehr als 50 Projekte realisiert, darunter die Walt Disney Concert Hall in Los Angeles, die Suntory Hall in Tokyo und die Neuausstattung der Säle des Sydney Opera House.

© Los Angeles Times







