Zehn Fragen an Pierre de Meuron

Pierre de Meuron (rechts) auf der Baustelle im Großen Saal. Neben ihm Jacques Herzog (links) und der projektverantwortliche Senior Partner Ascan Mergenthaler (Mitte). © Herzog & de Meuron
Was ist einzigartig an der Planung eines Konzerthauses, das gleichzeitig ein Hotel und Wohnhaus ist?
Die Elbphilharmonie ist noch viel mehr: ein Konglomerat mit Musiksälen, Restaurants, Bars, Wohnungen und einem Hotel. Sozusagen eine vertikale Stadt in der Stadt, in der sich verschiedene urbane Funktionen überlagern. Ein Kristallisationspunkt des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens in Hamburg. All das fließt natürlich in die Planung mit ein. Einzigartig ist die Komplexität des Projektes, mit diesen vielen verschiedenen Nutzern und deren unterschiedlichen Interessen.
Welche Rolle spielte die Lage der Elbphilharmonie für Ihren Entwurf?
Der Hamburger Hafen ist eines der lebenswichtigen Organe der Stadt. Mit der Elbphilharmonie kann dieses Organ auch noch zur Seele der Stadt werden. An einer Stelle, an der früher der historische Kaiserspeicher stand – ein stolzes Bauwerk im neugotischen Stil – steht nun das neue Konzerthaus. Der Kaiserspeicher mit seinem charakteristischen Turm repräsentierte das Tor zur Welt, war ein Magnet für die Schiffe. Die Elbphilharmonie wird ebenfalls ein Magnet – für Schiffe, aber auch für Menschen. Sie wird Bestandteil des Hafens und bringt darüber hinaus die Stadt in den Hafen.
Was hat Architektur mit Musik zu tun?
Bei einem Projekt wie der Elbphilharmonie ist dieser Zusammenhang offensichtlich. Wir haben zuvor selten erlebt, wie sehr die Nutzung eines Gebäudes – in diesem Fall die Musik mit ihren hohen Anforderungen an die Akustik – den Raum bestimmt. Letztendlich wird der Raum aber nicht primär von der Akustik bestimmt, sondern von den 2150 Zuschauen und Musikern, die dort zusammenkommen werden. Die aufragende Geste des großen Saals mit seinen vertikal angeordneten Rängen ist die formgebende statische Struktur für den gesamten Baukörper. Dieser zeichnet sich entsprechend auch in der Silhouette des Gebäudes ab.
Wenn die Elbphilharmonie ein Musikstück wäre, wie würde sie klingen?
Das ist schwer zu sagen. Ich hoffe, dass es ein Musikstück wäre, das viele Leute auf unterschiedliche Weise anspricht und begeistert. Ein Stück, das die Zeit überdauert.
Wie bewerten Sie es, wenn Besucher künftig hauptsächlich wegen der spektakulären Architektur in die Konzerte gehen?
Wir gehen bei jedem Gebäude, das wir entwerfen, von seiner Funktion aus. Ein Museum ist für die Kunst da. Ein Konzerthaus für die Musik. Bei der Elbphilharmonie haben wir im wörtlichen Sinne eine Stapelung von Funktionen. Sie ist primär ein Haus für die Musik, aber auch ein Ort, den viele Menschen besuchen werden, um den Blick über die Stadt zu genießen. Es ist also ein städtebaulicher Akt. Wenn die Architektur zusätzlich noch Leute anzieht, zu einem Konzertbesuch animiert und zur Steigerung des Kunstgenusses beiträgt, ist das natürlich großartig.
Würden sich Menschen denn weniger mit Kunst und Kultur beschäftigen, wenn es keine spannenden Architekturen gäbe? Was ist die Aufgabe der Architektur?
Architektur ist im Idealfall selbst Teil der Kunst und Kultur. Das heißt, sie kann das Vergnügen des Kunstgenusses steigern. Minimales Ziel des Architekten sollte sein, diesen Kunstgenuss wenigstens nicht allzu sehr zu stören. Im übertragenen Sinne verhält sich die Architektur zur Kultur wie das Weinglas zum Wein. Wir Architekten können das Glas herstellen, aber nicht den Wein. Wenn der Wein schlecht ist, trägt das beste Glas nichts zum Weingenuss bei. Wenn der Wein aber gut ist, kann ein gutes Glas den Weingenuss steigern.
Jacques Herzog hat einmal gesagt »Die Architektur einer Stadt ist immer auch so etwas wie die gebaute psychische Struktur der Bevölkerung« (SZ 2002). Was sagt das Hamburger Stadtbild über die Psyche der Hamburger aus?
Das Stadtbild offenbarte bisher eine Lücke, die auch als solche empfunden wurde: Die Hamburger wollen eine neue Schnittstelle zwischen Stadt und Hafen, welche die Stadt kulturell prägen soll. Das bietet die Elbphilharmonie. Denn hinsichtlich der Elbphilharmonie ist es psychologisch interessant, dass das Projekt ursprünglich von unten nach oben getragen und den Menschen nicht von oben aufoktroyiert wurde. Das verliert man manchmal aus den Augen, wenn man die kritische Presse liest. Aber die ersten virtuellen Bilder begeisterten die Menschen derart, dass ein hoher Druck der Bevölkerung und der Medien auf die Politik und die Investoren entstand, dieses Projekt zu realisieren.
Was wird sich in Hamburg verändern, wenn die Elbphilharmonie eröffnet wird?
Der Ort wird öffentlicher. Jeder Hamburger kannte zwar die Spitze des Kaiserhöfts mit dem Kaispeicher, aber nur die Hafenarbeiter hatten Zugang zu diesem Ort. Die Elbphilharmonie mit ihrer frei zugänglichen Plaza 35 Meter über dem Wasserspiegel wird nun jedem die Möglichkeit bieten, die gesamte Stadt zu überblicken. Nicht nur die Innenstadt im Norden, sondern auch der Hafen im Süden, der flächenmäßig etwa gleich groß ist. Die Elbphilharmonie befindet sich also im Epizentrum des gesamten Stadtkörpers, das ist ein sehr wichtiger Aspekt. Das hat einen ähnlichen Effekt wie die Akupunktur der traditionellen chinesischen Medizin, bei der gewisse Stellen des Körpers mit Nadeln stimuliert werden, damit von dort aus die Energien des Körpers angeregt werden.
Ihr Architekturbüro hat mit Auftraggebern in der ganzen Welt zu tun. Wie wird das Projekt Elbphilharmonie im Ausland – auch außerhalb Europas – wahrgenommen?
Es ruft großes Interesse hervor, gerade auch bei Leuten, die sich mit Architektur und Stadtplanung beschäftigen. Die Elbphilharmonie ist eines unserer sichtbarsten und spektakulärsten Projekte. Ich kenne weltweit keine Stadt, die ein derartiges Projekt ausführt, das die Stadt so vollständig neu definiert. Das wird natürlich auch im Ausland wahrgenommen.
Ihre Lieblingsmusik?
Ich höre sehr viel Musik: Jazz, Klassik, aber auch zeitgenössische populäre Musik. Kürzlich bin ich auf die Obertonmusik gestoßen und habe darüber Musik aus der Schweiz, der Mongolei und Australien entdeckt. Sie sehen, ich bin – wie in der Architektur – stilistisch nicht festgelegt.

Pierre de Meuron ist seit 2003 zusammen mit Jacques Herzog und Ascan Mergenthaler für die architektonische Planung der Elbphilharmonie verantwortlich. Die beiden Studienfreunde Herzog und de Meuron gründen 1978 in Basel das Architektenbüro Herzog & de Meuron, das bis heute weltweit zahlreiche, einzigartige Großprojekte realisiert hat. Dazu zählen die Kunsthalle Tate Modern in London, die Allianz-Arena in München und das Nationalstadion für die Olympischen Sommerspiele 2008 in Peking.

Pierre de Meuron (rechts) und Jacques Herzog, die Architekten der Elbphilharmonie. © Todd Eberle




