Free Jazz in der Sauna

TestBild mit richtiger Breite

© Ilpo Musto

Sind Finnen wirklich so wortkarg? Der finnische Vielseitigkeitsmusiker Jimi Tenor stellt sich auf der Elbphilharmonie-Baustelle den Fragen von Clemens Matuschek.

Jimi Tenor sieht ein bisschen müde aus. Kein Wunder: Frühmorgens ist er von Helsinki nach Hamburg geflogen, um hier mittags sein finnisches Festival »Rantakala« vorzustellen. Und jetzt soll er auch noch einen Helm aufsetzen und Gummistiefel anziehen – Sicherheitsvorschrift.Interessieren tut ihn die Baustelle der Elbphilharmonie dann trotzdem. Wir beginnen im Parkhaus. Ein Raum wie der Turm einer Festung, die Auffahrtsrampe für die Autos schraubt sich über mehrere Geschosse an der runden Außenwand nach oben. Roher Beton, düsteres Licht, Pfützen. Ein Arbeiter schleppt Eisenstangen herum. Jimi Tenor summt versonnen vor sich hin.


Keine schlechte Location für eine Techno-Party, oder?

Vielleicht ... (Der Rest der Antwort geht im Kreischen einer Flex unter. Pause. Jimi Tenor grinst.) Naja, es ist eine Baustelle. Ihr wollt ja, dass die Leute hier arbeiten.

Wie war das mit der Techno-Party?

Weißt du, ich bin nie bei den großen Raves aufgetreten. Vielleicht hätte ich das tun sollen – die hätten gut gezahlt. Aber damals ging es noch um die Musik, nur um die Musik. Die Detroit-Szene, funky Basslinien und so, nicht nur stumpfe Beats.

Was magst du an elektronischer Musik?

Ich mag sie einfach. Und sie erleichtert es, überhaupt Musik zu machen, zum Beispiel für Leute, die kein Instrument spielen. In dieser Hinsicht war Techno ein bisschen wie Punk: eine Gegenbewegung zu den opulenten Fusion-Bands der 70er, wie Emerson, Lake & Palmer, wo du ein Jahr üben musstest, um einen Song spielen zu können.

Weniger ist mehr?

Genau. Irgendwann lehnte MTV meine Videos ab – man sagte mir, sie seien zu amateurhaft gefilmt. Dabei war das doch der Sinn! Also bin ich zu ein paar Galerien in Soho gegangen – das war damals die angesagte Gegend in New York – und habe sie gefragt, ob sie interessiert wären, die Videos zu zeigen. Und sie haben sie gezeigt!

Haben sie dich mit Andy Warhol verwechselt?

Hehe ... als ich in New York wohnte, ist mir das dauernd passiert. Jeden zweiten Tag grüßte mich irgendwer auf der Straße mit »Hi, Andy«. Naja, ich sah halt wirklich aus wie er, mit meinen Plastikklamotten und der Frisur und so.

Retro.

So nennt man das heute. Retro ist ein Trend geworden. Es gibt sogar »Hipster-Apps« fürs iPhone, die diese billigen alten Fotokameras simulieren. Wie peinlich! Aber vielleicht ärgert mich das nur, weil ich noch eine von diesen alten Kameras besitze ...


Na, das geht doch ganz gut. Jetzt der Härtetest: Im Baustellenaufzug außen am Gebäude hinauf auf die Plaza. Wir quetschen uns zwischen einen Bauarbeiter und eine Mülltonne. Der Fahrstuhl rappelt und klappert, der Wind pfeift und zerrt an den Plastikplanen, mit denen die käfigartige Fahrstuhlkabine abgeklebt ist. Die Plaza liegt auf dem Dach des alten Kaispeichers, der den Sockel der Elbphilharmonie bildet, also auf knapp 40 Metern Höhe. Es geht also ziemlich tief runter. Jimi Tenor guckt skeptisch.


Die Elbphilharmonie wird wohl die weltweit einzige Konzerthalle sein, bei der die Lobby im 8. Stock liegt und der Konzertsaal erst im 12. Stock beginnt.

Na, wenn der Fahrstuhl so bleibt, wird der Besuch hier zu einem echten Erlebnis!


Die Plaza liegt vor uns wie eine steinerne Landschaft. Links schwingt sich die freitragende Treppe zum Großen Saal empor, rechts die Wendeltreppe zum Kleinen Saal. Der bogenförmige Ausschnitt der Fassade gibt den Blick auf Kirchturmspitzen und den grauen Hamburger Himmel frei. Rechts lässt sich der Eingang zur Hotellobby erahnen.


Hier wird es übrigens auch ein Hotel mit etwa 250 Zimmern geben.

Wirklich? Das ist gut, ein Hotel im Gebäude zu haben. Wenn dich ein Konzert total nervt, kannst du einfach runtergehen und dich in die Lobby setzen.

Glaubst du, dass es eine Verbindung gibt zwischen Architektur und Musik?

Das hört man immer wieder – aber immer nur von klassischen Musikern. Natürlich gibt es offensichtliche Parallelen, zum Beispiel den Prozess, bei dem ein Werk entsteht. Klassische Musik ist sehr strukturell und mit viel Bedacht geplant. Improvisation dagegen ist das totale Gegenteil. Free Jazz wäre wahrscheinlich am ehesten mit einer windschiefen Hütte vergleichbar oder mit einem improvisierten Sauna-Zelt.

Wenn du ein Stück für die Elbphilharmonie komponieren müsstest, wie würde es klingen?

Sehr, sehr formell.

Hast du jemals darüber nachgedacht, eine Symphonie zu schreiben?

Drüber nachgedacht habe ich, aber ich habe die Idee fallengelassen. Ich kann’s einfach nicht. Ich komponiere für Bigbands – das ist Musik, die ich verstehe.


Ok, lieber eine ehrliche kurze Antwort als langes Gerede. Wir wandern zur westlichen Spitze der Plaza. Jimi Tenor wirkt wie ein kleiner Junge im Zoo: Er ist fasziniert, möchte aber lieber nicht zu nah rangehen. Das Panorama ist atemberaubend. Unter uns erstreckt sich das graue Band der Elbe, rechter Hand die Innenstadt, links der Hafen. In einem Wort: Hamburg.


Warst du schon mal in Hamburg?

Klar. Ich habe ein paar Gigs im Golden Pudel Club gespielt. Netter Laden. Er müsste irgendwo da unten sein, oder?

Ja, da drüben, am rechten Ufer der Elbe, von hier aus gesehen hinter den Landungsbrücken. Weißt du, in Deutschland gilt Hamburg ja als nordische Stadt. Kannst du das nachvollziehen?

Ich mag die Stadt. Aber ich fühle mich hier definitiv nicht wie in Skandinavien – wenn es das ist, was »nordisch« meint. Als ich heute morgen in Helsinki abgeflogen bin, lag etwa ein Meter Schnee.

Du hast mal gesagt, Heavy Metal sei die »wahre Volksmusik Finnlands«. Stimmt’s?

Heutzutage? Ja klar! Heavy Metal ist totaler Mainstream, ein Familien-Ding, genau wie Eishockey. Außerdem ist Heavy Metal die offizielle Exportmusik Finnlands.

Das Bild von Finnland wird in letzter Zeit immer mehr von exzentrischen Events geprägt. Warum eigentlich?

Keine Ahnung. Aber es stimmt schon. Jedes Jahr gibt es neue, verrückte Wettbewerbe: Handy-Weitwurf, Luftgitarren-WM, Karaoke-Contest, Sauna-Wettbewerb. Naja, die letzten beiden sind einfach zu erklären. Bei uns singen die Leute einfach gerne. Und Sauna ist wie eine Religion. Wenn ich es mir recht überlege: die einzige Religion.

Ein Vorschlag für eine würdige deutsche Sportart?

Vielleicht kann jemand Currywurst-Weitwurf erfinden?


Wir nehmen unsere Erkundung der Baustelle wieder auf. Interviewer vorneweg, Jimi Tenor, der beim Gehen unablässig vor sich hin summt, hinterher. Wir laufen durch Flure im Rohbau: Kabel hängen von den Decken, Rohre ragen aus Wänden, Versorgungsschächte klaffen. Metallschienen am Boden signalisieren, wo noch Trennwände eingezogen werden. Plötzlich bleibt Jimi Tenor stehen.


Wie viele Leute braucht man wohl, um all das hier zu planen?

Du meinst, um von der ersten Computersimulation zu einem detaillierten Bauplan zu kommen?

Mhm.

Keine Ahnung. Es müssen hunderte von Architekten am Werke sein, um all die Details zu zeichnen.

Das Schwarzbrot der Architekten.


Was den trockenen Humor angeht, sind sich Hamburg und Helsinki vielleicht doch näher, als der Schnee-Unterschied vermuten lässt. Weiter geht’s. Schließlich stehen wir vor dem Eingang zum Großen Saal, den wir wegen Bauarbeiten an der Dachkonstruktion heute leider nicht betreten dürfen. Die Dimensionen des Saals lassen sich immerhin erkennen. Jimi Tenor hört auf zu summen.


Beeindruckend. Wie viele Leute passen da rein?

In den Großen Saal: 2.150 Zuhörer. Und wegen der Schallisolierung ruht der ganze Saal auf großen Federpaketen.

Ah, eine schwebende Konstruktion. Das kenne ich. Tonstudios sind immer nach diesem Prinzip gebaut. Wie kostet das denn alles?

Die ganze Elbphilharmonie? Wie wär’s mit einem Tipp?

Ich kann es mir echt nicht vorstellen. In diesen Dimensionen verlieren Zahlen jede Bedeutung. In Helsinki wird gerade auch eine neue Konzerthalle gebaut. Die Kosten werden natürlich viel höher sein als geplant, aber das ist normal.

Also, die Stadt Hamburg bezahlt 323 Millionen Euro.

Na, ich hoffe, es werden gute Konzerte.

Jimi Tenorist einer der kreativsten Köpfe der nördlichen Hemisphäre. In seiner Heimat Finnland entdeckte er Ende der 80er den Industrial, avancierte Mitte der 90er von New York aus zum Techno-Guru (»Take me Baby«) und wandte sich dann Berlin und dem Jazz zu. Seine jüngsten Projekte entstanden zusammen mit Afrobeat-Größen wie Fela Kutis legendärem Drummer Tony Allen. Im Februar 2011 gestaltet er in Hamburg sein eigenes Festival bei den Elbphilharmonie Konzerten: »Rantakala – Das Finnen-Festival«.

sdws

© Nils Hansen/HamburgMusik gGmbH

Weitere Gespräche des Monats: