»Viele suchen einen echten Gesprächspartner«

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Thomas Hampson, fotografiert von Dario Acosta

Gustav Mahler, die amerikanische Nationalhymne, aber vier Monate üben für Country & Western? Der amerikanische Star-Bariton Thomas Hampson im Gespräch mit Clemens Matuschek.

Thomas Hampson, in der Hamburger Laeiszhalle singen Sie Mahler-Lieder, in Chicago und Zürich stehen Sie in Verdi-Opern auf der Bühne. Worin besteht der größte Unterschied zwischen Oper und Konzertsaal?

Es mag banal klingen, aber es ist wie beim Tennis. Mal spielst du auf Rasen, mal auf Sand, mal auf Beton. Die Geschwindigkeit und der Spin des Balls ändern sich, aber es ist und bleibt Tennis.

Soll heißen ...

Der Rahmen ändert sich, zum Beispiel die Akustik. Auf der Opernbühne muss ich in der Regel lauter singen als bei einem Liederabend, um mich gegen das Orchester durchzusetzen. Oder die Psychologie: In der Oper bin ich nur eine Figur in einer größeren Welt. Bei einem Liederabend trage ich die ganze Welt in mir. Aber es ist und bleibt Gesang. Und ich sehe keinen Widerspruch darin, beides zu machen. Ganz im Gegenteil, ich verstehe nicht, warum man sich nur auf ein Genre beschränken soll. Ein guter Opernsänger kann ein guter Liedsänger sein – und umgekehrt. Im Zentrum steht immer das Ziel, etwas auszudrücken.

Apropos »durchsetzen« – warum sind Mikrofone in der Klassik eigentlich verpönt?

Ich kenne ganz einfach keine Lautsprecheranlage, die so schön und natürlich klingt wie die Akustik eines richtig guten Konzertsaales. In der Laeiszhalle ein Mikrofon zu benutzen wäre eine akustische Sünde! Ich glaube, derartige Technik würde auch die intime, persönliche Atmosphäre eines Liederabends zerstören. In modernen Opernhäusern mit ihren riesigen Sälen kann ich mir das schon eher vorstellen. Ich persönlich brauche Mikrofone aber weder als Sänger noch als Zuhörer. Zugegeben, in der Klassikwelt ist es auch eine Frage der Ehre und des Stolzes, dass die Stimme keine Verstärkung nötig hat.

In der Popmusik ist es ja gang und gäbe – aber die findet schließlich auch in Fußballstadien statt.

Na, wenn ich jemals im Stadion auftreten sollte, hoffe ich schon, dass ein Mikrofon vorhanden ist! Aber im Ernst: Das ist natürlich eine andere Situation. Da geht es darum, einen Ort, der für Musik eigentlich ungeeignet ist, trotzdem für Musik nutzbar zu machen. Als die Drei Tenöre noch auf Tour waren, war ihr wichtigster Mitarbeiter der Mann am Mischpult.

Könnten Sie sich denn vorstellen, einmal in einem Stadion aufzutreten?

Sie meinen, bei der World Series oder beim Superbowl vor dem Spiel die Nationalhymne singen? Das würde ich sofort machen!

Echt? Ok, wir schlagen Sie gerne mal vor.

Viel Glück, aber ich glaube kaum, dass die da vor dem Anpfiff Arien hören wollen ... Aber eine ähnliche Situation gibt es ja bei Open-Air-Konzerten. Wenn in der Berliner Waldbühne oder im New Yorker Central Park Klassik-Konzerte für 15.000 Leute gespielt werden, ist das wunderbar! Wenn dadurch auch nur ein einziger Zuhörer Lust bekommt, auch mal in die Oper oder in die Konzerthalle zu gehen, hat es sich schon gelohnt. Und das ist schließlich das wichtigste für uns Künstler.

Noch mehr Menschen könnten Sie sicher mit Popmusik erreichen. Schon mal drüber nachgedacht, Michael Jackson, Frank Sinatra oder Robbie Williams zu singen?

Ach, ich glaube, das lasse ich lieber. Das ist ein Fach für sich, in dem ich nicht herumpfuschen will. Robbie Williams geht es sehr gut – ohne mich. Ich habe zwar schon viel Crossover gemacht: Cole Porter und so weiter, diese tolle altmodische Musical-Musik aus den 1930ern und 40ern, also aus der Zeit noch vor Stephen Sondheims und Leonard Bernsteins »Westside Story«. Mit dieser Musik bin ich aufgewachsen. Aber diese Musik stellt auch ganz ähnliche Anforderungen an den Sänger wie klassische Opernmusik. Gordon MacRae, der in den 50ern zum Musical- und Filmstar wurde, hat eine ähnliche Gesangsausbildung durchlaufen wie ich. Die Popmusik von heute funktioniert natürlich anders. Das soll aber kein Werturteil sein! Ich halte es da ganz mit Leonard Bernstein: Man sollte nicht zwischen U- und E-Musik unterscheiden, sondern zwischen guter und schlechter Musik.

Gibt es einen weiteren Musikstil, den wir so bald nicht von Ihnen hören werden?

Country & Western.

Wieso das denn?

Paradox, nicht wahr? Ich liebe diese Musik! Sie ist so amerikanisch, und außerdem stilistisch ganz nah an den Stephen-Foster-Sachen, die ich singe, Sie wissen schon »Camptown Races«, »Oh! Susanna« und so weiter. Aber ich würde in dieser Musik immer wie eine Art fremdes, exotisches Tier wirken. Du bist wer du bist, und du machst, worin du gut bist. Wenn ich plötzlich doch auf die Idee verfallen sollte, ein Hank-Williams-Tribute aufzunehmen, würde ich mich verpflichtet fühlen, für vier Monate nach Nashville, Tennessee, zu ziehen und mit jemandem zu arbeiten, der sich damit auskennt. Schließlich will ich ich Hank Williams nicht lächerlich machen – und mich selbst auch nicht. Da habe ich im Moment aber wirklich keine Zeit für.

Thomas Quasthoff hat ja letztens ein richtiges Jazz-Album herausgebracht.

Oh ja, und ich beglückwünsche ihn dazu. Der Unterschied ist: Auf diesem Album ist er ein echter Jazz-Sänger. Er geht nicht fremd, »He’s not moonlighting«, wie wir sagen, also kein heimlicher Nacht-und-Nebel-Job. Wissen Sie, viele Kollegen versuchen, Crossover-Projekte zu machen. Aber sie trauen sich nicht, dafür ihre Verdi-Stimme aufzugeben, damit bloß niemand denkt, sie könnten keinen Verdi mehr singen. Total falsch. Wenn du Cole Porter singst, musst du es so singen, als hättest du nie etwas anderes gesungen.

Berühmt sind Sie für ihre Interpretationen romantischer Lieder, zum Beispiel von Gustav Mahler. In Hamburg singen Sie als »Artist in Residence« aus Anlass von Mahlers 150. Geburtstag und 100. Todestag nun sogar alle Liederzyklen dieses Komponisten. Was fasziniert Sie an Gustav Mahlers Musik?

Es klingt vielleicht trivial, aber Mahler hat wirklich eine ganze Welt aus Tönen geschaffen. Das Rauschen eines Baumes, das Zwitschern eines Vogels, aber auch der Blick oder das Verhalten eines Menschen – Mahler hat alles, was er erlebte, in Töne umgesetzt. Zum Beispiel ein ganz normales Tischgespräch beim Abendessen: Der Rhythmus, der Klang, das findet sich alles in der Musik wieder. Und natürlich auch das, was er in Gedichten beschrieben fand. Das reicht von der Begegnung zwischen einem jungen Fräulein und einem deftigen, etwas bequemen Buben im Lied »Verlorne Müh« bis zum metaphysischen Licht und Dunkel in den »Kindertotenliedern«. Diesen lebendigen Musik-Welten nachzuspüren und sie für das Publikum hörbar zu machen, ist wundervoll und ein ungeheures Privileg für mich.

Ist denn diese Mahler-Welt für die Menschen heute überhaupt noch zugänglich?

Nun, viele ehemals bedeutende Komponisten sind heute vergessen, weil wir mit ihrer Sprache nichts mehr anfangen können. Natürlich kann es ungeheuer frustrierend sein, wenn man in einem Konzert in diese fremde Welt geworfen wird und keinen Zugang findet, wenn man nicht versteht, was das alles soll. Sicher wird Mahler ganz oft missverstanden – wir hören etwas völlig anderes als er meinte. Es ist ein bisschen, wie wenn man in einer großen Gesprächsrunde sitzt. Vielleicht versteht man nicht jedes Detail, aber man bekommt eine Ahnung davon, dass es ein sehr profundes Gespräch über Leben und Tod, Kosmos und Universum ist. Und das macht süchtig.

Auch heute noch?

Ich glaube, gerade heute gibt es viele Leute, die eine hervorragende Ausbildung genossen haben und in tollen Jobs arbeiten, aber immer noch keine Ahnung haben, worum es eigentlich geht im Leben. Dieses Bedürfnis gab es schon immer, aber in dieser Generation ist es besonders ausgeprägt. Sie sind auf der Suche nach Antworten, oder zumindest nach einem Gesprächspartner. Und da sind sie bei Gustav Mahler ganz gut aufgehoben. Mahlers Musik wird immer Zuhörer haben.

Noch einmal zu Ihnen als Interpret. Ist man als Sänger eigentlich ständig in Sorge um seine Stimme? Immer Schal, Mütze und Hustenbonbons dabei? Wenn eine Geigensaite reißt, kann man die ja ersetzen ...

Wenn ein Geiger seine Hand in der Autotür einklemmt, ist das auch nicht so gut. Aber im Ernst: Wenn es kalt ist, sind Schal und Mütze keine schlechte Idee, schließlich strahlen wir zwei Drittel unserer Körperhitze über den Kopf ab. Letztlich ist es eine Frage der Gesundheit. Und die wohnt nicht nur in Hustenbonbons, sondern auch im Magen und in der Seele. Und im Schlaf! Genug Schlaf ist total wichtig. Acht Stunden müssen es schon sein. Wie gerne käme ich mit weniger aus! Aber als Sänger, egal ob Klassik oder Pop, bist du eben immer nur so gut wie deine letzte Vorstellung. Wir können es uns einfach nicht leisten, eine paar schlechte Abende abzuliefern. Davon mal ganz abgesehen ist es ein sehr unangenehmes Gefühl zu merken, wenn man nicht gut ist oder sich selbst im Weg steht. Und wenn ich das mit einer wärmeren Jacke verhindern kann, dann ziehe ich mir eine an.

Folgen Sie vor einem Konzert bestimmten Ritualen?

Nein, ich bin nicht besonders abergläubisch. Wenn ich abends einen großen Auftritt habe, dann spreche ich an dem Tag vielleicht weniger. Ich probe am Tag vorher und gehe am Nachmittag vor dem Konzert noch einmal leise durch das Programm. Ich esse nur leicht. Wichtig ist das Ausschlafen nach einer stressigen, physisch anstrengenden Opernvorstellung.

Sie wissen, dass in Hamburg zurzeit die Elbphilharmonie gebaut wird?

Oh ja, ich war schon mehrfach auf der Baustelle, zuletzt im August 2010. Ein aufregendes Projekt! Ich kenne allerdings auch die große Kontroverse um die Elbphilharmonie. Natürlich ist es vor allem eine technische und eine finanzielle Frage – keine künstlerische. Hauptsache, das Haus wird so schnell wie möglich fertig, damit die Kosten nicht noch weiter steigen. Sobald wir dort »wohnen« und Kunst für alle möglich machen, werden alle stolz sein – nicht nur weil das Gebäude so schön aussieht, sondern weil es ein kulturelles Wahrzeichen sein wird. Ich wünsche den Deutschen und besonders den Hamburgern diesen Moment, wirklich.

Kennen Sie zufällig die Kosten für das Bauvorhaben?

Über 300 Millionen, oder?

Stimmt. Die Stadt Hamburg wird es 323 Millionen kosten.

Wie auch immer: Der Weg aus diesem Dschungel ist nicht, die Elbphilharmonie nicht fertigzustellen. Sie kann ja nicht stehen bleiben wie das Denkmal einer zerbombten Kathedrale. Sie muss einfach vollendet werden. Die Leute müssen einfach sagen: »Kommt, jetzt lasst uns das Ding fertigbauen!« Das ist ohnehin eine typisch deutsche Art, Dinge zu regeln, glaube ich. Und der Ärger um den Bau wird sich verschwindend gering anfühlen gegenüber dem Wert einer fertigen Elbphilharmonie.

Mr. Hampson, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Weitere Informationen: www.thomashampson.com

Der Bariton Thomas Hampson zählt zu den herausragenden Sängern der Gegenwart. Neben seinen zahlreichen Opernauftritten ist der 1955 im Bundesstaat Indiana geborene Sänger einer der wichtigsten Interpreten des deutschen romantischen Liedes im allgemeinen und des Schaffens von Gustav Mahler im besonderen.

sf

© Dario Acosta

Thomas Hampson ist in der Konzert-saison 2010/11 Residenzkünstler der Elbphilharmonie Konzerte: 3 Konzerte mit allen Liedzyklen von Gustav Mahler plus 1 Kolloquium. Hier finden Sie alle Informationen über diesen Zyklus.

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