Ohne Schranken

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von links: Gabriel La Magadure (2. Violine), Mathieu Herzog (Viola), Raphaël Merlin (Cello), Pierre Colombet (1. Violine) auf der Elbphilharmonie Baustelle (Foto: Sweelin Heuss / HamburgMusik gGmbH)

Kann man in einem einzigen Konzert Beethoven und Britney Spears spielen? Clemens Matuschek fragt das französische Streichquartett »Quatuor Ebène« beim Gang über die Elbphilharmonie Baustelle.

Man nennt Euch die »Boygroup der Klassik«. Ist das nun Unsinn oder nicht?

Mathieu Herzog: (lacht) Das ist totaler Unsinn! Ein Streichquartett ist doch eine Akustik-Nummer. Wir spielen hauptsächlich klassische Musik – und nebenbei auch ein bisschen Jazz und Pop. Aber ganz sicher keine großen Shows auf großen Bühnen mit Lichteffekten und Pyrotechnik.

Gabriel La Magadure: Und wir haben keine Fans wie …

Keine Groupies?

Mathieu Herzog: Naja, ein paar.

Gabriel La Magadure: Ja klar, er hat Groupies, weil er nicht nur Bratsche spielt, sondern auch singt. Auf unserer neuen CD »Fiction« singt er »In the streets of Philadelphia« und ist damit echt erfolgreich.

Mathieu Herzog: Jeder Musiker hat Groupies. Der einzige Unterschied zwischen den Backstreet Boys und uns besteht darin, dass unsere Groupies nicht 18, sondern 80 Jahre alt sind.

Gabriel La Magadure: Aber im Ernst: Boygroups verdienen erheblich mehr Geld als wir. Außerdem leben sie völlig isoliert von der echten Welt. Wir dagegen leben wie normale Menschen.

Mathieu Herzog: Außer, dass wir sehr viel reisen.

Euer neues Album »Fiction« kombiniert Jazz und Latin, Pop- und Filmsongs – ziemlich ungewöhnlich für ein klassisches Streichquartett.

Mathieu Herzog: Stimmt. Wir funktionieren da wie eine Jazzband: Raphaëls Cello ist der Bass, Gabriel und ich sind das Klavier und legen die harmonische Grundlage, während unser erster Geiger Pierre das Saxofonsolo spielt. Ungefähr ein Viertel der Musik ist frei improvisiert. Wenn wir live spielen, sogar noch mehr.

Das habt Ihr doch bestimmt nicht am Konservatorium gelernt, oder?

Raphaël Merlin: Nein. Erstmal lernt man durch Imitation, durch Nachahmung. Und dann findet man irgendwann seinen eigenen Weg. In diesem Fall haben wir ihn zusammen gefunden.

Pierre Colombet: Die Improvisation hat in der Klassik schon immer eine große Rolle gespielt. Bach, Beethoven, Liszt und Chopin konnten grandios improvisieren. Irgendwie ist diese Tradition im 20. Jahrhundert verschütt gegangen. Aber sie kommt wieder.

Gabriel La Magadure: Jeder Musiker sollte improvisieren können. Gerade klassische Musik muss mit einer gewissen Freiheit gespielt werden.

War es für Euch eine Art Befreiung, Jazz zu spielen?

Pierre Colombet: Absolut. Als wir angefangen haben, Konzerte zusammen mit unserem Drummer zu spielen, haben wir uns Sorgen gemacht, ob wir überhaupt jemals wieder klassische Musik würden spielen können. Wir hatten Angst, Jazz und Pop würden unsere Technik zerstören, die subtilen klanglichen Feinheiten. Aber genau das Gegenteil ist eingetreten. Wir fanden heraus, dass es uns geholfen hat, uns frei zu fühlen. Und danach wollten wir erst recht wieder klassische Musik spielen – aber auf eine neue Art. Ohne Schranken.

Aber wenn Ihr Mozart spielt, würdet Ihr doch niemals auch nur eine einzige Note ändern, oder?

Mathieu Herzog: Nein, aber darum geht’s auch gar nicht. Improvisation kann heißen, neue Noten zu erfinden – oder aber, mit den vorgegebenen Noten neu umzugehen. Also, wir proben beispielsweise irgendein Mozart-Quartett. Wir sprechen über Phrasierung, Dynamik und so weiter. Und plötzliche denke ich: »Hm, eigentlich möchte ich diese Melodie gar nicht forte spielen, sondern ein bisschen leiser.«

Gabriel La Magadure: Oder ein anderes Beispiel: Am Anfang von Mozarts Streichquartett d-Moll KV 421 steht in den Noten »sotto voce« – ein nebliger, körperloser Klang. Als wir das Quartett neulich in München spielten, war der Musikkritiker der Süddeutschen Zeitung überrascht, wie krass wir diesen Effekt gespielt haben. Aber wir glauben eben: Wenn Du einen Komponisten liebst und verstehst, was er mit seiner Musik vermitteln wollte, dann kannst Du seine Partitur respektieren und sie trotzdem so spielen, wie Du es für richtig hältst.

Pierre Colombet: Viele Musiker haben Angst vor extremen Kontrasten. Und sie glauben, die Musik wäre heilig und sie dürften sie nicht verändern. Unser Ziel ist es aber nicht, Mozart oder wen auch immer möglichst originalgetreu zu reproduzieren. Wenn wir seine Musik spielen, wird es  u n s e r e  Musik.

Die Elbphilharmonie soll ja auch ein neues Publikum ins Konzert locken. Glaubt Ihr, Projekte wie »Fiction« sind eine gute Möglichkeit, Leute anzusprechen, die bislang nicht viel mit Klassik am Hut haben?

Raphaël Merlin: Wir haben das in Berlin und Wien sogar ausprobiert. Am ersten Abend haben wir »Fiction« gespielt, am zweiten Beethoven. Und tatsächlich waren einige junge Leute so begeistert von dem ersten Konzert, dass sie herausfinden wollten, was es mit diesem Beethoven auf sich hat. Die wären aber niemals gekommen, wenn wir nur ein Beethoven-Konzert gespielt hätten.

Vielleicht solltet Ihr Beethoven und »Fiction« an einem Abend spielen.

Pierre Colombet: Da bin ich mir nicht so sicher. Für uns als Musiker ist es fast unmöglich, zuerst ein Beethoven-Quartett zu spielen – immerhin die komplexeste, intensivste, bewegendste Musik, die es gibt – und dann einen Drummer auf die Bühne zu setzen und »Pulp Fiction« zu spielen.

Mathieu Herzog: Naja, vielleicht könnten wir es dem Publikum schmackhaft machen: »Ihr müsst jetzt erst ein bisschen Beethoven ertragen, aber keine Sorge, nach der Pause gibt’s dafür Britney Spears.«

Ihr würdet echt Britney Spears spielen?

Mathieu Herzog: Nein, um Gottes Willen, das war nur das schlimmste Beispiel (lacht). Obwohl – im Prinzip kann man alles spielen, solange die Musik gut ist. Britney Spears, Shakira, Christina Aguilera …

Pierre Colombet: Das Problem ist: Meistens ist diese Musik schlecht, weil sie so komponiert ist, dass die Leute sie im Ohr behalten. Kleine Motive, die man sofort wiedererkennen kann, wie McDonalds, das man aus einem Kilometer Entfernung riecht. Das hat nichts mit Ästhetik zu tun, das ist Gehirnwäsche! Aber damit lassen sich eben Millionen verdienen.

Mathieu Herzog: Beethoven hat kleine Motive komponiert und daraus ganze Symphonien gemacht.

Pierre Colombet: Ja, aber auf intelligente Art und Weise!

Gabriel La Magadure: Vielleicht hat es auch mit der Länge des Stückes zu tun. Der durchschnittliche Popsong dauert dreieinhalb Minuten. Mit demselben Material könnte Beethoven einen 20-minütigen Symphoniesatz schaffen.

Mathieu Herzog: Stimmt. Die Länge wirkt sich auch auf das Hören aus. Man muss sich konzentrieren. Aber heutzutage wird alles immer schneller. Die Leute stopfen in zwei Minuten ein Sandwich in sich hinein. Niemand hat die Geduld,  w i r k l i c h zuzuhören. Sogar ich langweilige mich manchmal im Konzert. Ich glaube, eine Stunde wäre die perfekte Dauer für ein klassisches Konzert. Und im Anschluss könnte man noch andere Musik spielen.

Was für Musik hört Ihr denn privat?

Raphaël Merlin: Alles mögliche. Klassik, Jazz, Rock, Pop …

Mathieu Herzog: Raphaël ist verrückt. Er benutzt immer die Shuffle-Funktion an seinem iPod und wartet, was passiert (lacht). Er hört Muse und dann Webern und dann traditionelle russische Musik. Einfach unglaublich.

Raphaël Merlin: Ich mag es eben, überrascht zu werden. Neulich habe ich diesen finnischen Geiger Pekka Kuusisto im Konzert gehört. Wenn ich ihn nicht schon auf youtube gesehen hätte, wäre es eine der besten Überraschungen aller Zeiten geworden. Aber so war’s zu spät.

Was für Musik würde denn in die neue Hamburger Elbphilharmonie passen?

Raphaël Merlin: Irgendwas krass Modernes.

Pierre Colombet: Also, wenn ich mir die Fassade so anschaue: Philip Glass.


weitere Informationen: www.quatuorebene.com

Das französische Streichquartett »Quatuor Ebène« ist eines der erfolgreichsten Ensembles der jungen Generation. Es hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten und konzertiert weltweit. Die neueste CD trägt den Titel Fiction und vereint Jazzstandards, Popsongs und Filmmusik aus »Pulp Fiction« und »Ocean’s 12«.

sdws

© Julien Mignot, Virgin Classics

»Heutzutage wird alles immer schneller. Die Leute stopfen in zwei Minuten ein Sandwich in sich hinein. Niemand hat die Geduld, w i r k l i c h zuzuhören. Sogar ich langweilige mich manchmal im Konzert. Ich glaube, eine Stunde wäre die perfekte Dauer für ein klassisches Konzert. Und im Anschluss könnte man noch andere Musik spielen.« (Mathieu Herzog)

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